Macht eine Vorschulpflicht in Deutschland Sinn?

Der Vorschlag, eine Vorschule einzuführen, kam vom stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Bundestag. Allerdings stellte Carsten Linnemann Zusammenhänge her, die ihm harsche Kritik einbrachten.

Der CDU-Politiker Carsten Linnemann forderte eine Vorschulplicht für Kinder mit schlechten oder gar nicht vorhandenen Deutschkenntnissen. Das wäre an sich eine gute Sache, doch Linnemann meinte, in seinem dazugehörigen Statement in der „Rheinischen Post“ in gleichen Atemzug Vorfälle in Freibädern und die grausliche Tat am Bahnhof Frankfurt erwähnen zu müssen. Damit machte er den positiven Aspekt seines Vorschlags vollständig zunichte und handelte sich den Vorwurf ein, man müsse sich für seine Aussagen „fremdschämen“.

Welche Vorteile hätte der Gang in eine Vorschule?

In einer Vorschule werden die Fähigkeiten vermittelt, die für einen Besuch der Grundschule notwendig sind. Dazu gehört beispielsweise ein gezielter Aufbau des Wortschatzes, die Förderung der Konzentrationsfähigkeit, der präzise Umgang mit Stiften, die Unterscheidung von Farben und das Zählen. Diese Fähigkeiten fehlen nicht nur den meisten Kindern der Zuwanderer, sondern auch Kinder aus zahlreichen deutschen Familien weisen in diesen Bereichen zum Zeitpunkt der regulären Einschulung Defizite auf. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur. Die Palette beginnt bei der fehlenden Beschäftigung einiger Eltern mit ihren Kindern. TV-Sendungen wie „Stempeln oder abrackern?“ und andere Reportagereihen liefern reichlich Beweise dafür. Viele Kinder, die von den Eltern nicht ausreichend gefördert werden, besuchen zudem keinen Kindergarten. Die Konsequenz ist, dass die Lehrer in den Grundschulen zuerst einmal die Unterschiede bei den Kindern in der Vorbildung beseitigen und das nachholen müssen, was in den Kindergärten und von vorbildlichen Müttern und Vätern vermittelt wird.

Individuelle Vorschulpflicht wäre keine schlechte Sache

Der Vorschlag von Carsten Linnemann sollte allerdings so nicht stehenbleiben, da er eine Vorschulpflicht offenbar ausschließlich auf Zuwandererkinder anwenden will. Aber eine Abwandlung würde Sinn machen. Stattdessen sollte im Rahmen der medizinischen Pflichtuntersuchungen schon in einem frühen Stadium die Entwicklung der für die Schule notwendigen Fähigkeiten geprüft werden. Nach den Resultaten ist für jedes Kind eine individuelle Entscheidung darüber möglich, ob es die zusätzliche Förderung für eine Vorschule braucht oder nicht. Diese Regelung sollte durchweg auf alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft angewendet werden, um für alle Kinder gleiche Voraussetzungen für den Schulbeginn zu schaffen.

Die Vorschule hätte für Kinder, die keinen Kindergarten besuchen, noch einen anderen Vorteil. Viele Kinder kennen sich bereits aus dem Kindergarten und bilden nach der Einschulung sofort Grüppchen innerhalb der Grundschulklassen. Kinder, die nicht im Kindergarten waren, werden oft aus diesen Grüppchen ausgeschlossen und zu Außenseitern. Das nimmt ihnen die Lust an der Schule, was wiederum häufig in Leistungsverweigerungen endet, welche die gesamte Schullaufbahn beeinträchtigen. In anderen Ländern wurde dieses Problem bereits erkannt. Sie wirken einer solchen Entwicklung entgegen, indem sie eine Vorschulpflicht für Kinder vorschreiben, die keinen Kindergarten besuchen.

Quelle: Rheinische Post