Gibt es bald neue Antibiotika?

Multiresistente Keime machen der Medizin immer mehr zu schaffen, denn viele altbewährte Antibiotika helfen gegen diese nicht mehr. Grund dafür: Zu oft, zu viel und zu unbedarft werden Antibiotika verschrieben. Das hat zur Folge, dass sich die Keime gegen immer mehr Antibiotika zu schützen vermögen.

Wissenschaftler und Forscher wissen um diesen Zustand, so dass die Suche nach neuen Antibiotika auf  Hochtouren läuft und dabei besinnen sich die Forscher zurück auf die Natur und die Ursprünge der Antibiotikaforschung. Wissenschaftler rund um die Genetikerin Losee Ling schauten sich im Erdreich genauer um. Sie haben Tausende von Bakterienstämmen untersucht, um neue Möglichkeiten zu finden, die Keime zu bekämpfen. Der Ansatz dieser Forschung ist dabei nicht neu, denn schon früher gelang es, aus Mikroben im Untergrund Bausteine für spätere Antibiotika zu extrahieren. Das könnte auch jetzt gelingen.

Neues Antibiotikum aus dem Erdreich?

Die Forscher rund um Ling arbeiten für die Pharmafirma NovoBiotic aus den USA. Im Erdreich haben sie jetzt ein neues Antibiotikum entdeckt, welches Wirkungen gegen den Staphylococcus aureus, einen der am weitetesten verbreiten Krankheitserreger zeigt. Zu dessen Gruppe gehören auch die multiresistenten Krankenhauskeime MRSA.

Genau genommen geht es um den isolierten Wirkstoff Teixobactin. Dieser könnte den aktuellen Forschungen zufolge so potent sein, dass die Keime Jahrzehnte bräuchten, um eine Resistenz gegen ihn zu entwickeln. Teixobactin soll auf die Bakterien anders als herkömmliche Antibiotika wirken. Diese greifen nämlich die Eiweiße der Keime an, die sich rasant verändern und mutieren können, so dass sich die gefürchteten Resistenzen bilden. Teixobactin dagegen greift die starre und schützende Hülle der Bakterien an. Diese sind dadurch nicht mehr überlebensfähig.

Die Forscher haben den neu entdeckten Wirkstoff am Staphylococcus aureus, aber auch am Streptococcus pneumoniae getestet, der zum Beispiel Lungenentzündungen auslösen kann. Außerdem versuchte man im Labor Bakterien zu züchten, die gegen den Wirkstoff resistent sind. Das gelang aber nicht.

Deshalb gilt Teixobactin als fast genauso widerstandsfähig wie Vancomycin, wie Gerard Wright, ein Biochemiker, der einen Begleitartikel zur aktuellen Studie im Magazin „Nature“ veröffentlichte, erklärt. Vancomycin wurde dadurch bekannt, dass sich die ersten Resistenzen gegen den Wirkstoff erst 30 Jahre nach seinem ersten Einsatz bildeten. Den aktuelleren Antibiotika können die Bakterien dagegen schon nach wenigen Jahren trotzen.

Weitere Untersuchungen sind nötig

Die Entdeckung wird in der Medizin als Erfolg angesehen, allerdings gibt es auch Einschränkungen. So erklärte Neil Woodford, zuständig für die Abteilung für Antimikrobielle Resistenzen im britischen Gesundheitswesen, dass Teixobactin nicht gegen E.coli oder Klebsiella helfe. Diese Bakterien seien aber bereits heute für eine Vielzahl von Resistenzen verantwortlich.

Zudem wurde der Wirkstoff bisher nur an Mäusen erfolgreich getestet. Positiv zu erwähnen ist dabei, dass zumindest keine giftigen Nebenwirkungen festgestellt werden konnten. Nötig sind aber weitere Untersuchungen am Menschen, um festzustellen, ob Teixobactin auch in menschlichen Zellen seine Wirkung bringt. Bis das neue Antibiotikum also zugelassen werden kann, ist es noch ein sehr weiter, langer und kostspieliger Weg.

Neue Methode zur Erforschung lässt hoffen

Doch noch bedeutender als der entdeckte Wirkstoff selbst ist die Form der Entdeckung. Neue Wirkstoffe für Medikamente jeder Art zu finden, ist ein schwieriger, aufwändiger Prozess. Pharmaunternehmen stecken nur wenig Geld in diese Aufgabe, weil sich kaum Geld mit Mitteln verdienen lässt, die bereits nach kurzer Zeit wieder wirkungslos sind.

Bei der aktuellen Untersuchung wurde aber ein neues Laborgerät namens iChip verwendet. Dieses ermöglicht es, dass die Bakterien im iChip gedeihen können, ohne dabei aus ihrem natürlichen Umfeld gerissen zu werden. Bisher mussten Forscher die Bakterien im Labor untersuchen. Zum Einsatz kamen vorwiegend solche Stämme, die sich ohne größere Probleme im Labor kultivieren ließen. Daher wurden kaum Bakterien aus dem Erdreich genauer untersucht.

Mit der neuen Methode können nun wesentlich mehr Bakterien untersucht werden, das noch dazu schneller und kostengünstiger. Damit sind den Wissenschaftlern völlig neue Wege geöffnet worden. Denn es lassen sich jetzt auch Bakterien genauer untersuchen, bei denen man die natürlichen Lebensbedingungen bisher nicht im Labor nachbilden konnte. Dadurch könnten völlig neue Bakterien, die möglicherweise als Lagerstätten für gänzlich neue Varianten von Antibiotika dienen, untersucht werden.

So könnte die Entdeckung von Teixobactin ein erster Schritt in diese Richtung sein – ein Hinweis auf eine neue Klasse von Antibiotika. Allerdings bedarf es weiterer und intensiverer Untersuchungen, um die genaue Wirkungsweise zu erkunden und festzustellen, ob es sich lohnt, auf deren Basis auch neue Medikamente zu entwickeln.

Quelle: Zeit