Braucht Deutschland weniger Krankenhäuser?

Bei dieser Frage dürften vor allem die Menschen aufschreien, die in Regionen mit einer galoppierenden Unterversorgung mit niedergelassenen Fachärzten leben. Doch Veränderungen in der Struktur der Krankenhäuser hätten durchaus auch für sie Vorteile.

Zu dieser Schlussfolgerung kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung. Eine Reduzierung der Zahl der Krankenhäuser könnte danach auch den Ärztemangel zumindest stellenweise lindern. Durch eine Konzentration auf Schwerpunktkliniken würden Fachärzte frei, die für eine ambulante Versorgung zur Verfügung stehen.

Größere Krankenhäuser bringen personelle Vorteile

Aktuell gibt es in Deutschland zahlreiche Kliniken, die weniger als 200 Betten vorhalten. Sie machen mehr als die Hälfte aller deutschen Krankenhäuser aus. Der Durchschnitt bei der Bettenzahl liegt deutschlandweit bei unter 300. Dennoch müssen auch in den kleinen Kliniken Fachärzte verschiedener Richtungen rund um die Uhr vorgehalten werden. Um ein Fachgebiet an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr zu besetzen, sind 5,5 Vollzeitstellen erforderlich. Aufgrund des Fachärztemangels ist eine solche Besetzung vor allem in den Kleinkliniken nicht möglich. Dadurch gibt es dort stellenweise erhebliche Versorgungslücken. Genau dort setzen die Macher der Bertelsmann-Studie an. Sie sehen als ideale Lösung sogenannte Versorgungskrankenhäuser mit durchschnittlich etwas mehr als 600 Betten. Maximalversorger sollten danach durchschnittlich 1.300 Betten haben. Das würde dazu führen, dass die Gesamtzahl der Krankenhäuser in Deutschland spürbar reduziert wird. Die dadurch freigesetzten Fachärzte könnten die Lücken in der ambulanten Versorgung schließen. Außerdem würde durch eine Fokussierung auf größere Kliniken das vorhandene Potential der Fachärzte besser verteilt werden.

Kleine Kliniken haben oft Lücken bei der Ausstattung

Viele medizinische Geräte erfordern umfangreiche Investitionen. Dafür reichen vor allem bei den kleineren Kliniken die finanziellen Reserven nicht aus. So bemängeln die Urheber der Bertelsmann-Studie beispielsweise, dass rund einem Drittel aller Krankenhäuser in Deutschland ein Computertomograph fehlt. In 61 Prozent aller Kliniken kann keine Koronarangiographie durchgeführt werden. Die Folge ist, dass zahlreiche Patienten ohnehin in größere Kliniken verlegt werden müssen. Dadurch vergeht Zeit, die vor allem bei der Behandlung von Schlaganfällen und Herzinfarkten von entscheidender Bedeutung ist. Durch die Umstellung auf größere und durchgehend optimal ausgestattete Krankenhäuser steigt die Qualität der Behandlung.

Größere Kliniken, weniger Krankenhäuser = längere Anfahrtszeiten?

An dieser Stelle sieht die Bertelsmann-Studie vor allem die Verkehrsplaner in der Pflicht. Die Verkehrswege und der ÖPNV können vielerorts so optimiert werden, dass sich keine längeren Anfahrtszeiten ergeben. Schon jetzt liegen die Anfahrtszeiten nach den Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei jedem 10. Patienten bei über 30 Minuten. Bei einem optimalen Ausbau des ÖPNV und der Verkehrswege würde sich die Anfahrtszeit bei der vorgeschlagenen Änderung der Krankenhaustruktur sogar positiv verändern. Das Ziel ist, dass sich die Fahrtzeit zur nächsten Klinik für 83,2 Prozent aller Patienten auf weniger als 15 Minuten verkürzt. Laut den Erhebungen der Bertelsmann-Studie ist das zumindest im untersuchten Bereich Köln-Leverkusen in NRW machbar.

Wie sollen die Lücken in den ländlichen Regionen geschlossen werden?

Ganz anders sieht es allerdings in den ländlichen Regionen aus. Dort schlägt die Bertelsmann-Stiftung vor, die überflüssigen kleinen Krankenhäuser in ambulante Behandlungszentren umzuwandeln. Im Osten Deutschlands gab es das bereits in Form der Polikliniken, in denen sich in der ehemaligen DDR Fachärzte aus allen Fachrichtungen konzentrierten. Doch sie verschwanden in der Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung fast vollständig. Die vorgeschlagenen ambulanten Behandlungszentren sollen nach der Idee der Bertelsmann-Experten auch kleinere Operationen durchführen können. Das entlastet wiederum die Krankenhäuser, da für viele Eingriffe keine stationäre Aufnahme mehr erforderlich ist. Dadurch soll die Zahl der Bettentage pro Einwohner von aktuell 1,7 Tagen pro Jahr auf einen Tag pro Jahr verringert werden. In der Folge reduziert sich die Zahl der notwendigen Krankenhausbetten. Aktuell stehen bundesweit mehr als 490.000 Betten zur Verfügung. Bei einer Umstellung nach den Vorschlägen der Bertelsmann-Stiftung wären nach der vollständigen Realisierung lediglich nur rund 285.000 Krankenhausbetten notwendig. Das heißt, auch der galoppierende Fachkräftemangel bei Krankenpflegern ließe sich damit beheben.

Quelle: Bertelsmann-Stiftung „SPOTLIGHT Gesundheit“